Trocken werden – das Abgewöhnen der Windel

Mehrere Töpchen aufeinander gestapelt

Trocken werden – das Abgewöhnen der Windel

Die Benutzung von Windeln ist eine Kulturtechnik und unterscheidet sich teilweise enorm. In einigen Ländern bzw. Gebieten verschiedener Länder sind Windeln eher die Ausnahme, dort tragen die Kinder nie eine Windel (mehr dazu in unserem Artikel zu Windelfrei). Grundsätzlich kann man sagen, dass bereits Neugeborene ihre Ausscheidungen kontrollieren können, durch die Windel geht dies jedoch verloren und muss erst wieder neu erlernt werden. Wenn Du dich also bei deinem Kind für eine Windel entschieden hast, stellst du dir automatisch auch die Frage, wie du die Windel wieder los wirst.

Ein wichtiger Hinweis vorab: wenn du dir unsicher bist, irgendwas trotz der Tipps hier nicht klappt, bespreche dies bitte mit deiner Hebamme oder deinem Kinderarzt. Es ist vollkommen in Ordnung, sich Unterstützung zu holen. Außerdem ist es vollkommen in Ordnung, wenn du mit deinem Kind euren eigenen Weg gehst, solange es allen Familienmitgliedern damit gutgeht. Kinder sind unterschiedlich, Familien sind unterschiedlich, Umstände sind unterschiedlich.

Wie wird ein Kind trocken?

Es gibt unterschiedliche Wege, damit ein Kind trocken wird. Wichtig ist, das weiß man dank der Wissenschaft mittlerweile, dass man sein Kind nicht zwingt und drängt (unter dem Text findest du weiterführende Links dazu). Früher war ein sehr baldiges Töpchentraining gang und gebe und viele Großeltern erzählen heute gern, dass sie euch Eltern schon mit einem Jahr trocken hatten. Da es sich, wie oben erwähnt, um eine Kulturtechnik handelt, hat sich dies bis heute jedoch gewandelt. Mittlerweile werden Kinder im Durchschnitt mit ca. 28 Monaten (tagsüber) bzw. 33 Monaten (nachts) trocken und benötigen keine Windel mehr (bei Stoffwindeln eventuell etwas früher). Dabei ist unerheblich, ob man das mit Ihnen trainiert hat oder nicht. Prinzipiell kann man sagen, dass es noch im Rahmen ist, wenn ein Kind bis zu seinem fünften Geburtstag noch eine Windel trägt. Ab da ist es angeraten, einen Kinderarzt zu konsultieren, um z. B. körperliche Störungen auszuschließen.

Außerdem wird heutzutage darauf geachtet, dass das Kind dazu bereit ist, seine Windel abzulegen. Wann dies soweit ist, erkennt man in der Regel an folgenden Anzeichen:

  • dein Kind interessiert sich für die Toilette und was du dort machst
  • dein Kind sagt, wenn es mal muss oder wenn es gerade was gemacht hat
  • dein Kind interessiert sich für seine Ausscheidungen
  • dein Kind teilt mit, dass es keine Windel mehr möchte
Wenn du Reifezeichen erkennst, kannst du es mit folgenden Maßnahmen unterstützen:
  • biete verschiedene Möglichkeiten an: Töpfchen*, einen speziellen Sitz für die Toilette (entweder mit Stufen oder mit einem Hocker vor der Toilette)
  • freue dich mit, wenn es klappt aber belohne oder bestrafe nicht. Dies hilft nur bedingt beim erlernen der Blasenkontrolle und kann dazu führen, dass dein Kind ein ungesundes Körperbewusstsein entwickelt.
  • erkläre, was im Körper passiert, wenn man auf die Toilette muss
  • frage nach, wie sich dein Kind fühlt, wenn es muss oder wenn es sich gerade entleert hat
  • frage nach, ob es auf die Toilette muss
  • achte auf die Rückmeldung deines Kindes: reagiert es genervt oder ablehnend, schalte einen Gang zurück
  • bleibe bei Unfällen ruhig und gelassen
  • Bereite die Umgebung vor für den Fall, dass mal was daneben geht (z. B. wasserdichte Unterlagen für die Matratze und die Couch, Lappen und Ersatzkleidung bereit legen)
  • du kannst sogenannte Trainingshöschen* nutzen. Das sind Unterhosen mit einer eingenähten Einlage. Sie sind nicht dicht, saugen aber einen Teil des Urins auf, sodass nicht so viel auf dem Boden oder der Umgebung landet
  • Im Sommer kannst du dein Kind ohne Windel und Hose lassen, vor allem im Garten.
  • sei Vorbild: teile mit, wenn du auf Toilette musst und nimm dein Kind, wann immer es geht mit (viele Eltern sind genervt davon, dass ihre Kinder ihnen auf die Toilette folgen. Damit wollen sie euch aber nicht ärgern, sondern sich einfach nur abschauen, wie ihr das macht).

Wie funktioniert das Trocken werden unterwegs?

Zu Hause keine Windel mehr zu benötigen ist das eine. Unterwegs ohne Windel zu sein stellt Eltern und Kind nochmal vor andere Herausforderungen: Ist eine saubere Toilette in der Nähe? Was mache ich, wenn doch mal was daneben geht? Ein Ausflug ist aufregend und spannend. Deshalb hier einige Tipps, damit euer Ausflug zumindest in Bezug auf den Toilettengang entspannt wird:

  • frage dein Kind vor dem Ausflug, ob es nochmal auf Toilette muss
  • informiere dich, wo auf der Strecke bzw. am Ziel saubere Toiletten sind und frag dein Kind ggf. wenn ihr an einer Toilette vorbeikommt, ob es mal muss.
  • Zieh deinem Kind ein Trainingshöschen an, dieses saugt einen Teil des Urins auf und es wird nicht alles tropfnass.
  • Packe dir Hilfsmittel ein:
    • Wechselkleidung (auch Oberteile, manchmal verteilt sich der Urin auch darauf)
    • eine Tüte zum Transport für nasse Sachen
    • Desinfektionsmittel, ein kleines Fläschen Seife und Taschentücher für öffentliche Toiletten, nicht alle sind sauber oder haben Seife und Klopapier aufgefüllt (kleine Reise-Fläschen gibt es in der Drogerie, sowohl fertig als auch leer zum Selbstbefüllen) – bitte beachte jedoch, dass du keine Taschentücher in die Toilette wirfst. Diese sind meist mit Kunsstofffasern verstärkt und können die Rohre verstopfen und verursachen Probleme in der Kläranlage. Wirf Taschentücher stattdessen in den Abfalleimer.
Gerade für unterwegs ist eine gute Blasenkontrolle wichtig. Dein Kind muss doch mal eine Weile einhalten können oder gezielt vor dem Ausflug auf die Toilette gehen, auch wenn die Blase noch nicht ganz voll ist. Auch deshalb ist es ratsam, dein Kind nicht zu drängen und auf die Reifezeichen zu achten. Angst vor Bestrafung oder die Erwartung einer Belohnung und deshalb einzuhalten ist keine Blasenkontrolle im eigentlichen Sinne.
Unterwegs zu wickeln, wenn das Kind zu Hause schon trocken ist, ist umstritten. Es kann hilfreich sein, dein Kind gerade in der Anfangszeit ohne Windel bei aufregenden Ausflügen nicht zu überfordern, es kann aber auch dazu führen, dass dein Kind verwirrt wird und dann erst recht Schwierigkeiten hat, trocken zu werden, das kommt ganz auf den Charakter deines Kindes an.

Probleme beim Trockenwerden

Manchmal klappt es nicht auf Anhieb und das kann ganz schön verunsichern. Wir kucken uns in den folgenden Punkten an, was alles schief gehen kann und wie du das lösen kannst.

Mein Kind hält Stuhl und/oder Urin zurück

Grundsätzlich ist es ein Zeichen von Blasenkontrolle und durchaus gewünscht, wenn dein Kind seinen Stuhl oder Urin eine Weile einhält, weil es zum Beispiel erst sein Spiel beenden möchte. Auch ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Kind nur 3 Mal am Tag Pippi macht und nicht täglich Stuhlgang hat. Problematisch wird es erst, wenn dein Kind über längere Zeit nicht auf die Toilette geht und/oder wenn es beim Wasserlassen oder Stuhl absetzen Schmerzen hat. Suche dann bitte deinen Kinderarzt auf, da hierfür verschiedene Ursachen in Frage kommen, die am besten von einem Arzt abgeklärt werden.

Das Kind sagt nicht bescheid, wenn es muss

Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass dein Kind noch kein gutes Gefühl für seine Ausscheidungen entwickelt hat und noch nicht soweit ist. Nimm hier den Druck raus und biete gegebenenfalls doch wieder die Windel an. Außerdem kann das durchaus auch passieren, wenn Kinder sich sehr auf eine Tätigkeit fokussieren, dass sie nicht merken wenn sie müssen. Wenn du dies bei deinem Kind häufiger beobachtest, kannst du es zwischendurch immer mal fragen, ob es mal auf Toilette muss. Meist merkt man Kindern in so einem Fall auch an, dass sie auf Toilette müssen, weil sie zappelig oder unruhig sind.

Der Kindergarten verlangt, dass mein Kind trocken sein muss

Der Kindergarten ist in erster Linie zur Entlastung von Eltern da, nicht umgekehrt. Es ist Aufgabe der Erzieher:innen, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Schützlinge einzugehen. In einigen Fällen kann dies jedoch erschwert werden (zu geringer Personalschlüssel, Waldkindergarten ohne Wickelplatz, etc.). Die Erzieher:innen und du solltet in einem Team sein und gegenseitiges Verständnis ist hilfreich. Sprich mit den Erziehern, ob es vielleicht einen Kompromiss gibt oder eine kreative Lösung.

Mein Kind ist tagsüber trocken, hat nachts jedoch noch Probleme

Das ist nicht ungewöhnlich und kein Grund zur Sorge. Hab einfach Geduld. Erst ab einem Alter von fünf Jahren spricht man von einnässen, bis dahin kannst du euch die Zeit lassen, die dein Kind braucht.

Mein Kind verweigert das Trocken werden und will die Windel unbedingt behalten

Dann ist dein Kind vielleicht einfach noch nicht soweit. Warte einfach ab – wie schon mehrfach erwähnt, ist es bis zum Alter von fünf Jahren unproblematisch, wenn ein Kind noch eine Windel trägt, und selbst danach muss es nicht unbedingt ein Problem sein, wenn der Arzt keine Störung feststellt. Vielleicht ist ihm das Töpfchen oder der Toilettensitz aber auch zu ungemütlich oder zu kalt. Probiere es doch mal mit einem anderen Variante.

Mein Kind war schon trocken und nässt jetzt wieder ein oder verlangt wieder die Windel

Manchmal machen Kinder nochmal einen Rückschritt, bevor sie etwas endgültig gelernt haben. Das ist erst mal normal. Manchmal kann es aber auch einen Auslöser geben, z. B. wenn du Töpfchentraining gemacht hast, obwohl dein Kind noch nicht soweit war und irgendwann die Belohnung ausbleibt, Stress oder eine Krankheit (gerade wenn ein Kind noch nicht so lange trocken ist, ist es eine Leistung für das Gehirn und bei einer Erkrankung hat es keine Energie, übrig für die Ausscheidungskontrolle). Wenn dir etwas am Verhalten deines Kindes ungewöhnlich vorkommt, halte bitte Rücksprache mit deinem Kinderarzt.

Mein Kind macht seinen Urin ins Klo, für den Stuhlgang verlangt es aber noch die Windel

Dein Kind hat sehr lange Zeit im Stehen in eine Windel gemacht. Gerade die Entleerung des Darms (der Darm hat viele Kurven und legt sich so, dass der Stuhlgang bequem raus kann) hat sich so daran gewöhnt, dass der Stuhlgang im Sitzen unangenehm und ungewohnt sein kann. Vielleicht warst du schon mal in einem Land, in dem es keine Kloschüssel wie bei uns gibt, sondern nur ein Loch im Boden. Wie hat sich das für dich angefühlt, dort auf die Toilette zu gehen? Genauso geht es deinem Kind jetzt auch. Ermutige es immer wieder, es auf der Toilette zu versuchen, aber lass ihm die Zeit die es braucht.

Dein Kind ist einmalig und einzigartig. So hat es auch seine ganz einzigartige Entwicklung. Manche Kinder sprechen früher, manche später. Manche Kinder laufen früher, manche später. Und so ist es mit dem Trocken werden auch. Manche Kinder sind früher dran, manche später. Solange es deinem Kind damit gut geht, ist es kein Problem und geht auch niemanden etwas an.

Weiterführende Literatur:

https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/artikel/wie-kinder-sauber-werden/
https://www.remo-largo.ch/assets/uea_66_remolargo.pdf

Bücher:
Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. von Herbert Renz-Polster*

Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren von Remo Largo*